Ein Mikrofon kaufen...
What you hear is what you get. Wäre es nicht fantastisch, wenn
es so einfach wäre? Doch wie ein Grafiker weiß, dass sein
Design im Druck eben nicht aussehen wird wie am Bildschirm, müssen
Tontechniker und Musiker damit leben, dass im Zuge der Umwandlung von
schwingenden Luftteilchen in elektrische Schwingungen oder gar Bits
& Bytes nichts mehr so ist, wie es vorher war. In dieser Folge
möchte ich Ihnen zeigen, wie man mit etwas Know how dennoch das
Optimum aus seinen Aufnahmen herausholen kann, und zwar am Anfang der
Aufnahmekette. Dies gilt sowohl für die Aufnahme im Studio als
auch für Live-Situationen.
Am Anfang war das …
… Mikrofon. Mikrofone wandeln Schall in elektrische
Spannungsänderungen, also Schwingungen. Man unterscheidet dabei
zwischen Dynamischen Mikrofonen (auch Tauchspulenmikrofon) und
Kondensatormikrofonen (Bändchenmikrofone klammere ich aufgrund der
Untauglichkeit für den Schulalltag aus). Beide Mikrofontypen
stellen eine der Luftschwingung äquivalente elektrische Schwingung
an ihrem Ausgang bereit. Sie unterscheiden sich lediglich in ihrem
Wandlerprinzip voneinander.
Dynamisches Mikrofon
Ein Dynamisches Mikrofon (Tauchspulenmikrofon) (s. Abb. 1) macht
sich das aus dem Physik-unterricht bekannte Induktionsprinzip zunutze.
Wird ein Leiter in einem Magnetfeld bewegt, so wird in diesem eine
Spannung induziert, welche sich proportional zur
Bewegungsgeschwindigkeit und zur Bewegungsrichtung verhält. Das
Dynamische Mikrofon besitzt eine an der Membran befes¬tigte Spule,
die bei Bewegung in den Luftspalt eines Permanentmag¬neten
eintaucht. Trifft der Schall auf die Membran, wird diese ausgelenkt und
überträgt ihre Bewegung auf die Spule. Die in der Spule
induzierte Spannung stellt theoretisch ein Abbild der Luftschwingung
dar (s. Abb. 2).
Dynamische Mikrofone können hohen Schalldruck relativ
verzerrungsfrei verarbeiten. Sie sind weniger empfindlich und nehmen
innerhalb eines begrenzten Bereichs auf. Sie werden deswegen gerne bei
Liveeinsätzen genutzt.
Kondensatormikrofon
Ein Kondensator ist ein Bauteil, welches Ladungen speichern kann.
Jeder Kondensator besitzt eine bestimmte Kapazität. Beim
Kondensatormikrofon macht man sich die Kapazität zunutze. Ein
Plattenkondensator besteht aus einer Elektrode und einer
Gegenelektrode. Der Abstand beider Elektroden bestimmt die
Kapazität des Kondensators. Die Gegenelektrode ist fest montiert,
während die Elektrode mit der Membran verbunden ist (s. Abb. 3).
Jede Membranauslenkung führt automatisch zu einer
Kapazitätsänderung des Kondensators. Durch eine kleine
Schaltung wird die Kapazitätsänderung in eine
Spannungsänderung überführt und diese an den
Mikrofonausgang angelegt. Die Besonderheit liegt darin, dass ein
Kondensatormikrofon eine gewisse Ladung benötigt, die in Form
einer Vorspannung am Mikrofon anliegen muss. Sie kann entweder
über eine Batterie oder über das Mikrofonkabel zugeführt
werden. Heute üblich ist die Phantomspeisung über das
Mikrofonkabel. Die benötigte Speisespannung wird über eine
kleine Schaltung so auf die Adern des Mikrofonkabels gesplittet, dass
andere Mikrofone oder Geräte sie nicht „sehen“
können und deshalb keinen Schaden nehmen. Moderne Mischpulte und
Vorverstärker stellen eine Spannung von 12 bis 48 Volt zur
Verfügung. Diese dient auch dazu, die Verstärkerschaltung in
Kondensatormikrofonen zu speisen, denn ihr Ausgangssignal wäre
sonst für herkömmliche Mikrofonvorverstärker viel zu
gering. Kondensatormikrofone (s. Abb. 4) unterscheiden sich von den
Tauchspulenmikrofonen jedoch auch im Klang. Aufgrund ihrer
Funktionsweise können sie mit leichteren und kleineren
Mem¬branen versehen werden, was sich in einer besseren
Auflösung zu den hohen Frequenzen hin niederschlägt.
Tauchspulenmikrofone hingegen besitzen eine gewisse Klangfärbung,
die aber je nach Anwendungsgebiet durchaus erwünscht ist. Zudem
sind sie robuster und „vertragen“ höhere
Schalldrücke. In einen gut sortierten Mikrofonkoffer gehören
immer Vertreter beider Gattungen!
Das Kondensatormikrofon ist sehr empfindlich und wird vorwiegend in
Situationen genutzt, in denen der Raum aufgenommen werden soll, also
beispielsweise Chor oder Orchester.
Vorne, hinten, oben, unten
Ein ideales Mikrofon würde stets genau das aufzeichnen, was ich
als Anwender möchte. Leider sieht die Realität ganz anders
aus, und die Physik lässt sich nur schwer diktieren, wie sie sich
zu verhalten hat. Mit einigen Tricks schaffen Ingenieure es jedoch, die
Richtung des einfallenden Schalls zu begrenzen.
Druckempfänger
Besteht ein Mikrofon aus einer Membran, die seitlich und
rückwärtig von einem Gehäuse umschlossen ist, spricht
man von einem Druckempfänger. Ein Druckempfänger wandelt
theoretisch Schall, der aus allen Richtungen einfällt, gleich gut.
Allerdings gilt dies nur für Signale, deren Wellenlänge
größer ist als das Gehäuse, denn sie werden um das
Gehäuse herum gebeugt. Dies ist vor allem bei tieferen Frequenzen
der Fall. Je höher die Frequenz, desto kleiner die
Wellenlänge und damit die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht
gebeugt, sondern reflektiert werden. Die Richtwirkung von
Druckempfängern nimmt also zu höheren Frequenzen hin zu.
Druckgradientenempfänger
Nicht immer ist es erwünscht, den Schall von allen Seiten
aufzuzeichnen. Möchte man ein bestimmtes Schallereignis aus einem
Kontext herauslösen, benötigt man Mikrofone mit starker
Richtwirkung. Wie beim Druckempfänger beschrieben, umfließt
der Schall die gesamte Mikrofonkapsel in Abhängigkeit von der
Frequenz. Fügt man der Membran nicht nur von vorne, sondern auch
von hinten Schall zu, kommt es zu Interferenzschwingungen und damit zu
Auslöschungen und Anhebungen im Frequenzgang. Dies macht man sich
zunutze und führt der Membran durch seitliche und
rückwärtige Schlitze im Gehäuse seitlich und
rückwärtig einfallenden Schall zu. Durch ein Laufzeitglied
wird der Weg, den der Schall bis zur Membran zurücklegt,
gesteuert. Die sich dadurch ergebenen Interferenzen führen nun zu
verschiedenen Richtcharakteristiken, die bestimmen, wie gut Schall, der
nicht von vorne auf das Mikrofon trifft, aufgenommen wird. Es wird also
ein Druckgradient gebildet.
Die Richtcharakteristiken
Jedes Mikrofon besitzt eine bestimmte Richtcharakteristik. Eine
Ausnahme bilden manche Studio¬mikrofone mit Doppelmembran und
umschaltbarer Richtcharakteristik. Die Richtcharakteristik kann im
Beiblatt des Mikrofons eingesehen werden und bestimmt maßgeblich
seinen Anwendungsbereich. Im Folgenden sollen die gängigsten
Richtcharakteristiken beschrieben werden.
Kugel
Die Kugelcharakteristik (Abb. 5) ist typisch für
Druckempfänger. Je tiefer die Frequenz, desto besser nimmt das
Mikrofon den Schall um sich herum auf. Hohe Frequenzen werden
stärker gebündelt und nur noch von vorne (0° =
Hauptaufsprechrichtung) aufgenommen. Kugelmikrofone werden häufig
dann eingesetzt, wenn die Schallquellen rund um das Mikrofon herum
positioniert sind. Durch ihre besonders ausgeprägte Basswiedergabe
werden Mikrofone mit Kugelcharakteristik auch gerne in der Bass Drum
oder bei anderen Bass-lastigen Instrumenten verwendet.
Niere
Mikrofone mit Nierencharakteristik gehören zu den
Druckgradientenempfängern und nehmen besonders gut frontal und
seitlich einfallenden Schall auf. Rückwärtiger Schall wird
stark gedämpft. Bei sehr tiefen Frequenzen haben allerdings auch
diese Mikrofone eine Kugelcharakteristik. Diese Frequenzen sind aber am
Mischpult oder am Mikrofonvorverstärker leicht auszufiltern
(Trittschallfilter, Lo Cut). Die Mehrheit der am Markt befindlichen
Mikrofone besitzt Nierencharakteristik. Der Punkt maximaler
Abschwächung liegt bei 180° bezogen auf die
Hauptaufsprechrichtung (0°).
Superniere/Hyperniere
Ist eine noch stärkere Richtwirkung gefragt, werden Mikrofone mit
Supernieren (Abb. 7) oder Hypernierencharakteristik eingesetzt. Beiden
ist gemein, dass sie seitlich einfallenden Schall stark ausblenden,
Schall, der direkt von hinten (180°) auf das Mikrofon trifft,
jedoch weniger stark abschwächen. Insbesondere auf sehr lauten
Bühnen kann es sinnvoll sein, Mikrofone mit Super- bzw.
Hypernierencharakteristik einzusetzen. Sie erlauben eine sehr exakte
Trennung unterschiedlicher Schallquellen. Mikrofone mit
Supernierencharakteristiken haben ihren „toten“ Punkt bei
ca. 125° und 235°, mit Hypernierencharakteristik bei ca.
110° und 250°. Die Hyperniere bündelt vorne stärker,
nimmt dafür aber auch mehr rückwärtigen Schall auf als
die Superniere. Ein Mikrofon mit Hypernierencharakteristik kann
demzufolge also etwas weiter von der Schallquelle entfernt stehen als
ein Mikrofon mit Superniere oder Niere.
Acht
Wenig verbreitet ist die Acht (Abb. 8). Ein solches Mikrofon nimmt
Schall von vorne und hinten gleich gut auf, ist also bi-direktional.
Ein solches Mikrofon bietet sich z. B. in Reportage-Situationen an,
wenn eine Person interviewt wird. Ein anderes Einsatzgebiet wäre
die MS-Stereofonie, bei dem die beiden Seitensignale mit einem Mikrofon
mit Achter-Charakteristik und das Mittensignal mit einem Kugelmikrofon
aufgenommen werden. Bei der Achtercharakteristik liegt das
rückwärtige Signal phasenverkehrt zum frontalen Signal. So
kann es mit nur einem Mikrofonkabel zum Mischpult geführt werden.
Dort wird es dann auf zwei Kanäle gesplittet und das Signal im
Kanalzug für das rückwärtige Signal in der Phase
invertiert. Nun stehen beide unabhängig voneinander zur
Verfügung und können bearbeitet werden.
Doppelmembranmikrofone
Im Studio werden häufig Großmembranmikrofone
(Membrandurchmesser größer als 1 Zoll/2,54 cm) eingesetzt.
Manche dieser Mikrofone besitzen statt nur einer Membran zwei
Membranen, die sich gegenüber liegen. Durch eine elektrische
Schaltung kann aus den Signalen dieser beiden Membranen ohne Probleme
durch Subtraktion und Addition der Signalanteile jede erdenkliche
Richtcharakteristik errechnet werden. Über einen kleinen Schalter
kann bei den meisten Modellen zwischen Niere, Kugel und Acht
umgeschaltet werden. Andere Mikrofone bieten sogar Regler, mit denen
stufenlos zwischen Kugel und Acht alle möglichen Nierenvarianten
eingestellt werden können (z. B. Rode NT2000).
Nahbesprechungseffekt
Trifft der Schall direkt in Hauptaufsprechrichtung (0°) auf das
Mikrofon und ist die Wellenlänge der Frequenz kleiner als der
Mikrofonabstand zur Schallquelle, so kommt es bei
Druckgradientenempfängern (also gerichteten Mikrofonen) zu einer
starken Bassanhebung. Mit anderen Worten: Jedes Richtmikrofon besitzt
im Nahbereich eine Bass-Anhebung. Diesen Effekt nennt man
Nahbesprechungseffekt. Es gibt viele Erklärungsversuche zu diesem
Effekt, der bei Druckempfängern nicht und bei
Doppelmembranmikrofonen nur in geringem Maße auftritt. Eine
Erklärung würde an dieser Stelle zu weit führen, deshalb
sei auf das sehr gute Dokument von Daniel Mariano verwiesen: http://www.sengpielaudio.com/Nahbesprechungseffekt-Mariano.pdf.
Wesentlich wichtiger als die Erklärung des Nahbesprechungseffekts
ist aber sein gezielter Einsatz: Stimmen klingen voller, wenn der
Sprecher nah an das Mikrofon heran geht. Bass-lastige Instrumente
erhalten mehr Druck, wenn das Mikrofon im Nahbereich des Instruments
steht (oder des Verstärkers). Doch kann der Nahbesprechungseffekt
auch stören, wenn daraus ein mulmiger und dumpfer Klang
resultiert. Zu diesem Zweck haben manche Mikrofone einen
Bass-Abschwächer integriert, der über einen kleinen Schalter
oder Regler zuschaltbar ist. Auch mechanische Lösungen sind
denkbar und werden von einigen Herstellern (z. B. Sennheiser)
integriert.
Mikrofonkabel und Vorverstärker
Die Verbindung zwischen Mikrofon und Mischpult geschieht mit einem Mikrofonkabel mit dreipoligen XLR-Verbindern (Abb. 9). Die Abschirmung liegt auf Pin 1, auf Pin 2 Plus und auf Pin 3 Minus. An einen Ausgang schließt man immer den „weiblichen“ Stecker und an einen Eingang den „männlichen“ Stecker an. Mischpulte besitzen für den Anschluss von Mikrofonen spezielle Vorverstärker, die das zunächst schwache Mikrofonsignal so weit verstärken, dass es im Mischpult weiter verarbeitet werden kann. Die Qualität dieser Vorverstärker entscheidet in großem Maße mit über den Klang. Dennoch können klangliche Fehler, die sich bereits durch eine mangelhafte Mikrofonaufstellung oder Mikrofonauswahl ergeben haben, kaum noch korrigiert werden.
Bis hier wurden die verschiedenen Konstruktionsprinzipien von
Mikrofonen erläutert. Anhand der vielen verschiedenen Bauformen
und Richtcharakteristiken wurde bereits deutlich, dass Mikrofon nicht
gleich Mikrofon ist und sich das Klangergebnis von Mikrofon zu Mikrofon
nicht nur aufgrund der Aufstellung vor der Klangquelle
unterscheidet. Eine objektive Schallwandlung gibt es nicht.
„What you hear is what you get“ bleibt also ein
Wunschtraum. Aber: Ist denn überhaupt eine objektive Sicht auf
eine Schallquelle erwünscht? Das menschliche Gehör ist auch
alles andere als objektiv. Jeder Mensch hört anders. Dies ist
nicht nur in der Anatomie unseres Gehörs begründet, sondern
auch in großem Maße von unseren musikalischen Erfahrungen
und Hörerfahrungen. Aus diesem Grund möchte ich eindringlich
davor warnen, die im Folgenden genannten Mikrofonaufstellungen und die
gewählten Mikrofone als Maßstab aller Dinge zu betrachten,
sondern vielmehr als Ausgangsbasis für eigene Experimente zu sehen.
Mikrofonauswahl
Gute Mikrofone sind teuer. Aber nicht jedes teure Mikrofon ist
gleich gut geeignet, wenn es um bestimmte Aufnahmesituationen geht.
Nicht selten haben gerade die billigen (oder besser gesagt die
günstigen) Mikrofone ihre Daseinsberechtigung im professionellen
Studioalltag. Dies liegt insbesondere darin begründet, dass sie
einen eigenen Klangcharakter haben, den sie dem mit ihnen aufgenommenen
Signal unweigerlich aufprägen. In Zeiten von sterilen
Digitalsystemen ohne Klangfärbung ist es umso wichtiger geworden,
jeder Aufnahme Leben einzuhauchen. Dies kann man mit sündhaft
teuren analogen Vintage-Geräten tun (man schaue sich mal die
Ebay-Preise von 30 bis 40 Jahre alten Röhrenvorverstärkern
oder Kompressoren an), eine Bandmaschine als Master benutzen oder aber
schon bei der Aufnahme einen bestimmten Charakter durch die Auswahl des
Mikrofons erzielen. Warum ein Signal mit Plug-Ins schreddern, wenn das
Billigmikrofon aus dem Elektronikmarkt dies genauso gut oder sogar
besser erledigen kann? Dennoch hat natürlich die Riege der teuren
Studiomikrofone ihren festen Platz in der Studioszene. Alles hängt
halt vom Auge (oder Ohr) des Betrachters (des Hörers) ab und von
der musikalischen Vision desselben.
Gesang
Die menschliche Stimme ist schwerer einzufangen als jedes
Instrument. Dies liegt gar nicht mal in ihrer Beschaffenheit
begründet, sondern in der Funktionsweise unseres Gehörs. Die
Evolution hat dafür gesorgt, dass das menschliche Gehör
für Stimmen besonders sensitiv ist. In einem mit Menschen
überfüllten Raum kann man, konzentriert man sich auf einen
einzelnen Sprecher, eine Stimme gezielt aus einem Gewirr von Stimmen
herausfiltern. Diese gehörtechnische Meisterleistung gelingt
keiner technischen Einrichtung. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass
unser Gehör auf kleinste Klangänderungen bei aufgenommener
Sprache oder Gesang sehr empfindlich reagiert. Begründet ist dies
mit einer gesteigerten Empfindlichkeit für das Frequenzband
zwischen 300 und 3200 Hz. Starke Klangänderungen in diesem Bereich
werden in Bezug auf Sprache und Gesang als unnatürlich empfunden,
weil dann die für die Vokale wichtigen Formanten verändert
werden. Formanten bezeichnen resonanzartige Überhöhungen im
Frequenzgang, die unabhängig von der Grundfrequenz ihre Lage nicht
ändern (z. B. bei Transposition). Der Mickey Mouse- (Transposition
nach oben) oder Darth-Vader-Effekt (Star Wars – Transposition
nach unten) liegt darin begründet, dass bei der Transposition
(mittels Rechenalgorithmus) die Formanten mit verschoben wurden (was z.
B. beim Singen in einer anderen Lage nicht passiert). Der
Formant-Bereich der Stimme sollte also in jedem Fall bei der Aufnahme
unangetastet bleiben. Im Bereich über 3000 Hz liegen vorwiegend
die Konsonanten. Eine starke Überhöhung zwischen 5000 und
8000 Hz führt zu einem scharfen, spitzen Klangbild, welches vor
allem durch ein zu starkes oder verzerrtes stimmloses „s“
dominiert wird. Ist dieser Bereich unterbelichtet, klingt die Stimme
matt und leblos. Das stimmlose „s“ klingt, als würde
der Sänger/Sprecher lispeln. Für die Mikrofonauswahl bedeutet
dies, dass Mikrofone mit linearem Frequenzgang in den genannten
Bereichen besser geeignet sind als Mikrofone, die in diesen Bereichen
starke Einbrüche oder Anhebungen verzeichnen. Natürlich
bestätigen Ausnahmen wie immer die Regel. Warum für das
Erzeugen einer Telefonstimme nicht ein billiges Mikrofon oder gar einen
alten Telefonhörer benutzen?
Für die Übertragung von Gesang auf der Bühne werden nach
wie vor mehrheitlich dynamische Mikrofone verwendet. Der vermeintliche
Nachteil, dass dynamische Mikrofone eher unempfindlich sind, ist bei
der Live-Situation häufig ein Vorteil. So möchte man
beispielsweise die Sängerin abnehmen und nicht den Schlagzeuger
dahinter. Ein weiterer Vorteil liegt in ihrem ausgeprägten
Nahbesprechungseffekt (s. Abb. 1 oben) begründet, der der Stimme
Tiefe und Volumen verleiht. Hier sei insbesondere das Shure SM58 (Abb.
2) erwähnt, welches seit Jahrzehnten die Bühnen dieser Welt
dominiert. Mit seiner Nierencharakteristik und der starken
Dämpfung von entfernten Signalen zählt es zu den Mikrofonen
mit extrem hoher Rückkopplungssicherheit. Leider erkauft man sich
diese mit einem sehr geringen Besprechungsabstand von ca. 1 cm, der
für ein gutes Klangbild nicht überschritten werden sollte.
Der große Bruder Shure Beta58 verfügt über eine
Präsenzanhebung und ein etwas fein gezeichneteres Klangbild,
konnte sich aber dennoch gegen das SM58 nicht behaupten. Mit einem
Verkaufspreis von 99 Euro ist es ein echter Verkaufsschlager, und es
gehört damit in jedes Mikrofonsortiment – egal ob für
Beschallung oder Studio. Ähnlich günstig und insbesondere
für höhere Stimmen besser geeignet ist das Sennheiser E945
(s. Abb. 3) . Bedingt durch seine Supernierencharakteristik erlaubt es
einen etwas größeren Besprechungsabstand. Mit diesem
Mikrofon wird der Höhenregler am Mischpult garantiert unangetastet
bleiben, da es über eine leichte Anhebung im Bereich über
3000 Hz und 11 kHz verfügt. Das Mikrofon ist außerordentlich
unempfindlich gegenüber Rückkopplungen und besonders auf sehr
lauten Bühnen beliebt. Auch vor Bläsern macht es eine gute
Figur.
Im Tonstudio findet man vorwiegend Großmembran-Mikrofone. Dies
liegt nicht etwa in ihrem überlegenen Klangbild begründet,
sondern in erster Linie in ihren Ausmaßen. Untersuchungen haben
gezeigt, dass Sänger im Tonstudio große und kräftig
wirkende Mikrofone gegenüber kleinen Mikrofonen bevorzugen. Bei
Männern ist dieser Effekt noch weiter verbreitet als bei Frauen.
Größe wird hier oft mit Kraft und Volumen gleich gesetzt,
und wer traut einem mickrigen Kleinmembran-Kondensator-Mikrofon oder
einem dynamischen Mikrofon schon zu, die kraftvolle Röhre eines
angehenden Superstars zu übertragen? Manche Tonstudios bauen
gezielt Kleinmembran-Condenser in das Gehäuse eines
Großmembran-Mikrofons ein, um dem Sänger den Eindruck zu
vermitteln, er habe ein solches vor dem Mund, nur um die Feinzeichnung
und Vorteile der Kleinmembran-Mikrofone nutzen zu können. Als
beliebte Großmembran-Mikrofone im unteren Preissegment seien
das Rode NT1, NT2, das AKG C3000B und die günstigen Modelle
von Audiotechnica genannt. Wer etwas mehr Geld ausgeben möchte,
ist mit einem Neumann TLM103 oder dem Brauner Phantom Classic Basic gut
beraten. Bei allen Studioanwendungen sollte gleich ein Poppschutz (Abb.
4) mitbestellt werden, der am Mikrofonständer befestigt
unangenehme Überhöhungen im Bassbereich durch Plosive
vermeidet.
Mikrofonaufstellung
Auf der Bühne halten Sänger in der Regel das Mikrofon in
der Hand. Wird gleichzeitig ein Instrument gespielt, muss ein
Mikrofonstativ verwendet werden. Außer auf nicht
windgeschützten Open Air-Bühnen sollte auf den Einsatz eines
Windschutzes verzichtet werden. Das Mikrofon wird so gehalten oder
positioniert, dass sich der Korb direkt vor dem Mund des Sängers
befindet. Auch wenn im Fernsehen oft andere Mikrofonhaltungen zu sehen
sind, ist dies die einzige klanglich sinnvolle Mikrofonposition. Im
Fernsehen wird meistens ohnehin nur zu einem Vollplayback gesungen und
das Mikrofon für die Kamera aus bildästhetischen Gründen
nicht vor das Gesicht gehalten. Bei Reportagen ist die Mikrofonhaltung
unkritisch und das Mikrofon wird aus genannten Gründen unterhalb
des Gesichts wie eine Kerze gehalten. Für Gesangsdarbietungen
allerdings ist solch eine Mikrofonposition ungünstig und sollte
vermieden werden.
Soll Gesang im Studio aufgezeichnet werden, gilt grundsätzlich das
bereits Gesagte. Im Falle des Einsatzes von
Großmembran-Mikrofonen ist eine Positionierung leicht oberhalb
des Mundes leicht schräg dem Gesicht zugewandt von Vorteil. Der
Poppschutz gehört in einigen Zentimeter Abstand zwischen Mikrofon
und Sänger und wird am Mikrofonstativ befestigt. Eine Spinne
schützt das Mikrofon vor Erschütterungen und tieffrequentem
Trittschall, der sich als unangenehmes Rumpeln bemerkbar macht.
Mehr zum Thema Mikrofonstativ.
Die Mikrofonklemme
Mittlerweile legen fast alle Hersteller vernünftige Klemmen dem
Mikrofon bei. Dennoch sollte der Klemme viel Beachtung geschenkt
werden. Sie hat eine Doppelfunktion: Sie schützt das Mikrofon vor
versehentlichem Herausrutschen und dämpft den Trittschall. Gute
Klemmen sind aus biegbarem Material und erlauben es, das Mikrofon von
oben in die Klemme zu drücken. Einmal in der Klemme, sollte das
Mikrofon nicht mehr rutschen und einen sicheren Halt besitzen. Das
Herausnehmen des Mikrofons muss durch einen leichten Zug nach vorne
(zum Sänger hin) möglich sein. Mikrofonklemmen gibt es in
allen Größen, sodass es kein Problem sein sollte, für
jedes Mikrofon die passende Klemme zu finden. Klemmen aus starrem
Plastik sind unbedingt zu vermeiden, da sie schnell brechen und
Trittschall übertragen.